Beginn

1983/2001

Die UH – Ein düsteres Kapitel der Menschwerdung!

 

Der Mensch ist schon ein zwielichtiges Geschöpf. Einen erkennt man schnell, den anderen vielleicht gar nicht. Woran mag das wohl liegen?

Charakterkünstler sind jene, welche zunächst unschuldig im Blick keiner Fliege etwas zu leide tun können, um dann um so kratzbürstiger, hinterrücks dem ausgemachten Feind den Todesstoß zu versetzen. Der allgemeine Tratsch bildet die Grundlage für die folgende wahre Geschichte. Dieses Phänomen läßt doch kaum jemanden aus, dennoch findet man den Urheber schnell heraus.

Wegen Unterbesetzung wurde ich, nicht unbedingt zu meiner Freude, in die Schicht 2 versetzt. Mir wäre lieber gewesen in ein gefestigtes Kollektiv zu kommen, wo ich hätte auf Erfahrungen und Traditionen aufbauen und mit meinen Ideen ein gutes Brigadeleben organisieren können. Nun, hier blieb zunächst alles auf 2-3 Mann beschränkt. Alle einzubeziehen ist wohl aus Sympathiegründen schon recht schwierig, aber es war die Forderung an ein sozialistisches Jugendkollektiv. Bei der Armee kämpfen gelernt, mit gutem Bewußtsein und Selbstvertrauen ausgestattet ging ich an die Arbeit. Gegen die Meinung des Meisters, der sich fast ausschließlich aus den Medien des Westens informierte, muß man sich als junger Genosse erst einmal Respekt verschaffen. Jeden Tag flogen uns also die Meinungen und Argumente, mal eine Stunde lang mal kurz und intensiv um die Ohren. Mir brachte es Bewährungssituationen, die Anderen hielten mit der Zeit auch nicht hinter den Berg. Mehr Sachlichkeit in der Diskussion war mein Ziel, nur so könnte die Dramatik manches Themas gemildert werden und doch zu besseren Selbsteinsichten führen.

Gerade als ich begann mich heimisch und wohl zu fühlen, mußte ich in eine andere Jugendbrigade. So fehlte mir die Gelegenheit jene Herausforderung anzunehmen und das Beste daraus zu machen. Öde und spröde war es hier, keine Offenheit, richtig lahm. Das ist tödlich für einen unternehmungslustigen Typen wie mich. Frustig. Es hieß Stärkung des Parteieinflusses, aktivieren des politisch- kulturellen Lebens. Sie sollte ein Aushängeschild für die Abteilung werden im Hinblick auf den innerbetrieblichen Wettbewerb. Nun, durch die Verschlossenheit kam ich an keinen richtig ran.

Es gab zum Glück den alles umschließenden Titelkampf. Für ein paar Mäuse mehr, lies sich der eine oder andere doch hinreißen wenigstens kulturell etwas mitzumachen. Meine Hauptaufgabe war zu Beginn, das Brigadebuch politisch aufzupolieren. Am Anfang belächelt, waren sie später Stolz darauf. Auf sich? Sie feierten sich selbst ohne eigenes zutun! Ich durfte fortan alles kommentieren, meine Art und Weise fand Anklang. Titelkampf gewonnen, alle sonnten sich im Erfolg. Ziel nicht erreicht, oder war es doch nur Makulatur um daß es ging, um die gute Fassade? Auf Dauer wurde die Auseinandersetzung mit den unpolitischen Kollegen langweilig. Mir gelang nicht sie zu provozieren. So verflachten die Beziehungen wieder.

Frischfleisch (Marita) rettete die Situation. Temperamentvoll, direkt kam sie daher. Was bis dahin eine eingefahrene Kiste war, wurde aufgebrochen. Die Kommunikation zwischen den Schichten war berauschend, gemeinsame Unternehmungen machten richtig Spaß. Der alte Muff verschwand. Es war eine freundliche und hilfsbereite Atmosphäre. Doch eine junge Kollegin verpaßte zusehends den Anschluß. Ihr Zuspätkommen wurde Gegenstand heftiger Diskussionen, die dem Meister wohl zu viel wurden.

Statt einer Reaktion seinerseits, Schweigen. Sie war persönlich etwas überlastet. Ein Umzug, die Silberhochzeit der Eltern und einiges mehr mußten bewältigt werden. So sah sie neidvoll zu, kehrte uns den Rücken. Dagegen saugte sie mit großen Ohren (nicht nur am Kopf) unsere Unterhaltungen auf und verarbeitete dies auf ihre Weise. Wie bei stiller Post, kam es bei uns nicht nur sonderbar, auch noch verletzend an. Liebeleien, Schwangerschaften u.a. wurden angedichtet und wahllos verteilt. Was am Anfang noch einen Lachanfall auslöste, entfaltete sich zum Trauerspiel. Was ging in Angela vor. Minderwertigkeitskomplexe, die Unfähigkeit mal um Hilfe zu bitten, oder ist sie einfach unbefriedigt.

Dem Ruf nach, der später Bestätigung fand, ist sie jedenfalls keine Jungfrau mehr. Warum sollten wir nicht zeigen daß es uns gut ging. Durch eine gewisse Sympathie fanden wir uns doch paarweise zusammen. Konnte sie Hellsehen? Angela wollte zu gern die Hauptrolle spielen, speziell bei den Jungs. So stichelte sie herum. Auch Toilettenschmierereien fand man in ihrem Repertoire. Unbeteiligte können sich das nicht vorstellen, was wir so durchmachten. Das kostete Nerven, dazu die Arbeitstemperaturen um 45 Grad und die persönlichen Angelegenheiten.

Also wir kamen mit einer mortz Laune zur Arbeit und dann so ein Gesicht (:-< ), jeden Tag. Mir ging so ein Gedanke nicht mehr aus dem Sinn. War es denn nur Eifersucht. Sie wollte schon gern bei mir landen. Die Oberweite entzückte mich, zumal ich noch recht unerfahren war und so manche Wünsche hatte. Hätte ich mal mit ihr, wäre das Ganze wohl anders verlaufen. Nun gut, bin ich Schuld. Weiter zum tatsächlichen Verlauf. Wir heckten da was aus. Anläßlich der Gesundung von Marita brachten wir Kuchen mit und waren gut drauf. In den letzten Tagen wurde uns doch vorgeworfen so lahm dazuhängen, nur weil sie nicht da war. Nun, Angela hatte es einfach nicht drauf. Sie mußte immer polarisieren. Sie konnte sich nicht mit uns freuen, es ging nicht in ihren Kopf. Ihrer Meinung nach war vorher alles in Butter. Marita hatte einen Fehler, Sie existierte. Die Situation war demnach sehr gespannt, revolutionär sozusagen. Eine Rauferei unter Mädels, nicht schlecht. Konnte aber gerade noch im Keim erstickt werden. Den Revierkampf hätten wir vielleicht zulassen sollen, wäre er die Lösung gewesen? Endlich sprach unser Meister mal ernste Worte: “Ich wünsche dies in Zukunft nicht mehr. Wir sind doch eine Jugendbrigade! Späte Erinnerung. Ein Jahr ist vergangen und ich hatte schon ein volles Ding zu laufen. Den Sinn dieser Abteilung, konnte man nur noch mit einem Namen kennzeichnen- Heide Kahnt. Gibt es einen Weichensteller bei der Interflug? Nein! Ebenso keine rosige Zukunft für die Jugendbrigaden. Überleben können hier nur solche Kollegen wie in Schicht 3. Stumpfsinn voran und Klappe halten. Feierliche Brigadeversammlung. “Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ klingt toll ne. Jetzt gab es die Urkunden und das Dankeschön, auch ein paar Mark hingen dran. Einige mußten sich das heulen verkneifen. Die Kapitulation. Ein Kindergarten wie man ihn sich wünscht. Jedes spielt brav in seiner Ecke, bloß nicht auffallen und anecken. Böse wer hier Unruhe sät und für Stimmung sorgt. Frei nach Hänsel und Gretel, schaute die Hexe düster drein, Klickenbildung fand sie nicht fein. Pärchen durften es auch nicht sein. Weiter ging es mit Mensch ärgere Dich nicht. Diese Geschichte endete mit freiwilligen Kündigungen, ich machte Karriere" und dann kam auch schon die Abwicklung zur Wendezeit. Marita kam bei einem Rechtsanwalt unter, es ging ihr gut. Andere sah ich nicht wieder.   Ende 1983 Fasching

 

Frisch motiviert, gut geschult und abenteuerlustig ging ich nach der 3-jährigen Armeezeit wieder in meinen Betrieb zurück. Der sozialistische Wettbewerb war voll im Gange. Man baute sogleich auf mich, um das Jugendleben in den Brigaden anzukurbeln. Fortan war ich als junger Genosse FDJ-Sekretär einer Jugendbrigade. Ja, kein Problem. Es war Faschingszeit und ich lud alle zu mir ein, auch Nachbarn gesellten sich dazu. Es war wirklich ein Erlebnis und leider war auch eines dabei, das war doch keines.

Ich schlief ein zu Zweit, aber das Geschlecht meines Betthäschen stimmte nicht. Daraus sollte sich eine verpaßte Chance entwickeln.

Der harte Kern half bei der Vorbereitung. Alles klar noch Umkleiden und fertig. Das war dann köstlich-komisch. Schminken, anziehen und nebenbei naschen, hier und da einen Schluck, das weckte Vorfreude. Die Bude wurde dann so voll, ich verlor komplett den Überblick. Es sprach sich über 3 Ecken rumm, viele kannten selbst meine Kollegen nicht. Ein Schlachtfeld ausgelassener Freude.

Angela, eine sehr freizügige, ungeduldige Frau schaute mir mal unter den Rock. Wer bin ich, eine Mogelpackung? Eigentlich kannte sie mich nicht unterhalb der Gürtellinie und das blieb eben auch so. Ich war der Letzte, der bis zur Enttarnung um 24 Uhr durchhielt.

Die Hinterlassenschaften der Festivität waren doch etwas ernüchternd. Einige Flecken von Alkohol und Nikotin. Ein Kollege bat darum bei mir zu nächtigen, er käme wohl nicht nach Hause. Ich wußte, er stand auf Mädchen. Nun war das Bett belegt. Es sei denn Angela stände auf einen Dreier. Als wir fast eingeschlafen waren klingelte es. Er stand auf, da ich keine Lust hatte. Nun sie war es und vermißte ihre Tasche. Wir schauten uns kurz um, nichts! Sie hätte mich glatt vernascht. Ich weiß nicht, ob ich mich hätte wehren können. Sie kriegte mich nicht.

So stand sie in einer anderen Geschichte wieder im Mittelpunkt.

 

März 1984

Verschlafen und vertrödeln

 

Zunächst ein Frühlingstag wie viele. Die Schneemassen schmelzen dahin und die Gemüter, durch die ersten Sonnenstrahlen erhitzt, lassen die Kälte des Winters vergessen. Es sollte aber noch richtig heiß werden, nicht zuletzt durch die 45 Grad Celsius an meinen Maschinen.

Der Wecker klingelte heute schon um 8 Uhr, ein wenig früh wie ich fand, um die müden Glieder zum Aufstehen zu bewegen. Ein kurzer Druck aufs Knöpfchen und mich an der aufgehenden Frühlingssonne noch erfreuend, schlief ich wieder ein. O je schon 12 Uhr, rasch etwas essen, noch Lektüre einpacken und los. Was hatte ich eigentlich vor, daß ich schon zeitig raus wollte? Nun eben Nebensache, war wohl nicht wichtig.

Meine Standartbeschäftigung auf der Fahrt zur Arbeit ist Lesen, bin gerade gefesselt von einer phantastischen Geschichte. Das ist die richtige Ablenkung vom eintönigen Geräusch der S-Bahn. Die gleiche Strecke immerzu, die selben Blickpunkte nach draußen und im Laufe der Zeit kennt man die meisten Mitreisenden. Jannowitzbrücke steigt meine Kollegin zu und mit ihr sehr oft ihr “S- Bahn Opa“. Er hat wohl einen ähnlichen Schichtrythmus wie wir. Sie hatten sich irgendwann hier kennengelernt und uns verband nach und nach eine gewisse Vertrautheit. Köpenick- Ende der Reise. Noch 15 Minuten Fußmarsch und frisch auf ans Werk. Die Rechnung habe ich nur ohne Angela gemacht. Nicht gerade vom Arbeitseifer gepackt, wobei sie wenigstens ernsthaft auf Pünktlichkeit bedacht sein sollte, wollte sie noch schnell zum Bäcker und in den Konsum. Wir hatten sie schon reichlich angemahnt, da die Vorschicht auch nach Hause wollte. Nein, das mußte jetzt noch sein. Ein Blick auf die Uhr verriet, es würde knapp werden. Bei diesen Tippelschritten jetzt, ist es nicht mehr zu schaffen. Wieder muß die Ablösung warten, wieder würde der Meister kein Machtwort sprechen. Zurück bleibt das unangenehme Gefühl mitschuldig zu sein.

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